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Bachmann Junior Literaturpreisträgerin

By 24. September 2019 No Comments

Alina Oberkofler (5A) schreibt sich mit ihrer Kurzgeschichte „Teilen für Anfänger“ in die 6. Anthologie des Bachmann Junior Literaturpreises. Wir gratulieren herzlich zu ihrem tollen Erfolg!

Kalte Luft drang in meine Lungen. Es war ein typischer Februarmorgen. Dichte Wolken bedeckten den Himmel und grau erschien mir meine Umgebung, grau und bedeutungslos. Die Stadt erwachte langsam zum Leben. In immer mehr Häusern sah man durch die Fenster Lichter leuchten. Menschen gingen ihrem Alltag nach, um sich herum vier Wände, die sie ihr Zuhause nennen konnten. Gedeckte Frühstückstische und frischgemachte Betten, eine warme Dusche und die wohlige Wärme von Familie und Freunden. Einen Arbeitsplatz, den man mal weniger oder mehr mochte, vor allem dann, wenn man am Ende des Monats sein Gehalt erhielt. Immer mehr Gedränge herrschte auf den Straßen, typischer Großstadtlärm war zu hören: Menschen, die zielstrebig nach vorne blickten, lange Warteschlangen von Autos an Ampeln und das immer vorherrschende Gemurre deren Insassen. Dann gab es noch mich, auch ich schritt in meiner schmutzigen, zerrissenen Kleidung zielstrebig dahin, allerdings ging ich keinem Ziel entgegen, auf welches man sich freuen konnte; auch ich würde von vielen als mürrisch bezeichnet werden, was bei meiner Situation aber kein Wunder war. Mein angestammter Platz an der Hauptstraße, wo ich den restlichen Tag bis zum Abend verbringen würde, empfing mich mit einer steinernen Kälte, die man an solch einem Tag von einem Asphaltplatz auch nicht anders erwarten konnte. Man könnte meinen, nach sieben Jahren, die man auf der Straße lebte, hätte man sich an das Frieren gewöhnt, das einen im Winter erwartete, doch für mich war es immer noch das Unangenehmste an meinem Dasein. Nicht das ewige Starren fremder Leute, nicht der Hunger, der einen befällt und nicht mehr loslässt, nicht die Furcht vor einem baldigen Tod, welchen ich angesichts meines Lebens als einzigen Ausweg betrachtete.

[…]

Alle gingen vorbei, Blicke voller Abscheu trafen mich, so auch der der jungen Frau. Aus ihren Augen konnte ich die Frage ablesen, wie man sich bloß so sehr gehen lassen konnte. Ihr Sohn allerdings blieb verwirrt vor mir stehen: ,,Mami, warum sitzt der Mann auf dem Boden?“ Ungeduldig versuchte seine Mutter den Jungen weiterzuziehen, der schaffte es allerdings, sich loszureißen und rannte auf mich zu. Vor mir stehend begann er, in seinem Rucksack zu wühlen und holte ein Butterbrot heraus. Lächelnd streckte er es mir entgegen und sagte: ,,Hier, das ist für dich. Mami sagt immer, das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages und meine Kindergartentante sagt immer, dass man teilen soll!“ Jetzt lächelte auch ich und nahm, ein wenig gerührt, das Brot entgegen.